Sardinien- jenseits der Klischees
- Denise Bertram
- 12. Mai
- 3 Min. Lesezeit

Sardinien … schon dieses Wort klingt nach Sommer, Freiheit und einem Hauch Luxus. Sofort entstehen Bilder im Kopf: türkisfarbenes Wasser, weisse Yachten und mondäne Küstenorte.
Und genau deshalb stand Sardinien lange nicht auf meiner Bucket List.
Zu viele Menschen, zu viele Bilder, die man gefühlt schon tausendmal gesehen hat.
Doch je mehr ich mich mit der Insel beschäftigte, desto klarer wurde mir, dass Sardinien weit mehr ist als Luxus und Traumstrände. Vor allem der Norden Sardiniens zog mich sofort in seinen Bann: wilde Küsten, bizarre Felsformationen, Wälder, Schafe und Ziegen – genau die Mischung, die ich liebe.
So kamen wir an einem kühlen Montag in Olbia an. Die Wettervorhersage war eher mässig, was mich als Fotografin natürlich etwas frustrierte - Licht ist so "muchentscheidend"
Für sieben Nächte hatten wir uns im wunderschönen Borgo Lianti Country Resort in San Pasquale einquartiert, perfekt gelegen zwischen Palau und Santa Teresa di Gallura.
Und schon der Garten des Borgo Lianti zeigte genau jene Seite Sardiniens, die mich hierhergezogen hatte.
Schnell merkt man, dass Sardinien viel weitläufiger ist, als man zuerst denkt, und die Distanzen grösser werden. Deshalb entschieden wir uns schon bald für die Devise: weniger ist mehr.
Natürlich gehörte das La Maddalena Archipelago zu den Highlights der Reise. Mit einer der Fähren erreicht man die Inselgruppe in rund zwanzig Minuten. Wirklich überrascht hat mich allerdings nicht La Maddalena selbst, sondern vor allem Caprera, die kleine, über eine Brücke verbundene Insel.
Caprera ist rau und von unglaublicher Schönheit - zumindest dann, wenn man unberührte Natur liebt. Zu den schönsten Buchten zu gelangen, ist nicht immer einfach, manche sind sogar nur mit Guide zugänglich. Doch allein die Vegetation ist atemberaubend: vom Wind geformte Wacholder, mediterrane Buschlandschaften und zerklüftete Granitfelsen, die fast surreal wirken.
Und genau dort trafen wir auch auf die sardischen Bergziegen.
Nie hätte ich damit gerechnet, ihnen ausgerechnet hier zu begegnen. Aber eigentlich passt kein Ort besser zu ihnen als diese steilen Felswände, die dichten Büsche und die stille Einsamkeit der Insel abseits der befahrenen Strassen.

Überall zweigen kleine Wege von der Hauptstrasse ab. Wir entdeckten Pfade, die verlassen wirken und tief in die Täler hineinführen. Schnell erreicht man höhere Lagen, von denen sich eine spektakuläre Aussicht über die Buchten des La Maddalena Archipelago eröffnet.
Und plötzlich waren sie wieder da - die sardischen Bergziegen.
Neugierig beobachteten sie uns zwischen den Felsen, Weibchen mit ihren Jungen unterwegs, vollkommen selbstverständlich eingebettet in diese raue Landschaft. Genau solche Momente sind es, die eine Reise für mich unvergesslich machen.
Ein Ausflug an die Westküste bis nach Castelsardo gehört ebenfalls zu den für mich lohnenswerten Momenten dieser Reise. Schon nach kurzer Zeit merkte man jedoch, wie sich die Landschaft langsam verändert. Die bizarren Granitformationen des Nordens weichen einer weicheren, sanfteren Küstenlandschaft.
Gerade im Frühling zeigt sich diese Gegend von ihrer schönsten Seite: blühende Wiesen, farbige Wildblumen entlang der Strände und dieses warme mediterrane Licht, das die ganze Küste beinahe malerisch wirken liess.
Eines der absoluten Highlights lag für mich allerdings praktisch direkt vor unserer Haustür: Capo Testa.
Als wir dort ankamen, waren wir zunächst ehrlich gesagt eher erschrocken. Wir hatten mit einem Geheimtipp gerechnet, doch davon konnte keine Rede sein. Überall Menschen, und an einen Parkplatz war kaum zu denken. Also stellten wir das Auto deutlich weiter vorne ab und machten uns zu Fuss auf den Weg.
Der Pfad führt zuerst noch relativ harmlos geradeaus, doch schon bald beginnt eine kleine Kletterpartie - gute Schuhe sind definitiv empfehlenswert! Mit jedem Schritt taucht man tiefer in eine Landschaft ein, die so surreal und bizarr wirkt, dass sie beinahe unwirklich erscheint.
Ohne es eigentlich zu planen, standen wir plötzlich mitten im Valle della Luna.
Die Felsformationen dort erzählen Geschichten. Manche wirken geheimnisvoll, andere beinahe unheimlich. Jeder erkennt etwas anderes darin: Gesichter, Tiere oder fantastische Wesen aus alten Legenden. Genau das macht diesen Ort für mich so faszinierend.
Schon in diesem Moment wusste ich: Hier muss ich unbedingt nochmals im ersten Morgenlicht zurückkommen - ohne Menschen, nur mit Ruhe und perfektem Licht.
Und by the way....ein kleiner Restaurant Tipp: Sea Lounge Club - ist zwar teuer, aber die Aussicht ist es wert. Hoch über den Klippen thront es über dem Meer.

Am nächsten Morgen, kurz nach Sonnenaufgang, waren wir wieder in „meinem“ Tal.
Das weiche Licht glitt über die Granitfelsen und liess die Formen noch surrealer erscheinen.
Das Keybild zeigt für mich einen weisen alten Mann im Felsen. Doch je länger man durch diese bizarre Landschaft wandert, desto mehr Figuren und Geschichten entdeckt man in den Steinen: Voldemort, schlafende Riesen, Pferde und venezianische Masken oder Monster, die die Zunge rausstrecken. Der Fantasie sind hier wirklich keine Grenzen gesetzt.
Und so gehen wir nach Hause - mit unzähligen neuen Eindrücken und Bildern im Kopf von einem ganz anderen Sardinien: wild, skurril, ursprünglich und wunderschön anders...
Herzlichst
Denise
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